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Hier geblieben!

von Evelyn Roll 

Ein Artikel aus der App der Süddeutschen Zeitung:

Gesellschaft, 18.10.2014

Nein, es ist gar nicht schlimm. Beruhigt euch wieder. Es ist nur anders. Ganz anders als früher. Und wenn man etwas genauer hinschaut, ist es möglicherweise sogar: besser. Viel besser.

Wie war es denn früher? Man wurde 18, machte den Führerschein, eine Ausbildung oder das Abitur, und dann: danke, tschüss. Nichts wie weg von den Eltern.

Wie sich das angefühlt hat damals, als 18-Jährige? Gut! Endlich frei. Jetzt kann ich machen, was ich will. Das Leben geht los. Sex and Drugs and Rock’n‘ Roll. Ich muss euch nicht mehr auf die Nerven gehen. Und er muss mir nicht mehr sagen: Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst. 

Wie es sich für meine Eltern angefühlt hat? – Weiß ich nicht. Darauf kommen wir später noch einmal zurück.

Heute ist alles anders: Die Kinder bleiben im Nest. Ein Abnabelungsjahrzehnt hat sich zwischen die Kindheit und diesen großen Jetzt-ziehe-ich-aus-Moment geschoben. Manchmal ist es sogar ein Abnabelungsjahrzwanzigst. Früher mussten wir verhandeln, ob der Freund ausnahmsweise zu Hause übernachten durfte, im Gästezimmer natürlich. Heute sagen erwachsene Söhne zu ihrer Alleinerzieherin: „Ich möchte nicht, dass dein komischer Kerl bei uns schläft.“

Mario Götze wohnte in seinem Kinderzimmer, bis Bayern München ihn rauskaufte.

Jugendforscher, Soziologen, und Leiter von Personalabteilungen, die zur Strafe „Human Resources Manager“ heißen müssen, beugen sich sorgenvoll über die Schubladen, in die sie die amtierende Jugend gepackt und Etiketten draufgeklebt haben wie „Generation Y“, „Millennials“, „Generation-Maybe“ oder, ganz neu: „Generation Waschlappen“. Dann wackeln sie mit den Köpfen und rufen neue alarmistische Buchtitel und Schlagzeilen in die dankbare Medienwelt: Egotaktiker sind diese Ypsiloner, narzisstische, unpolitische Selbstoptimierer, die bei Einstellungsgesprächen zuerst nach Sabbaticals fragen, nach Work-Life-Balance, Elternteilzeit und Was-können-Sie-sonst-noch-für-mich-tun. Nie und niemals werden diese Weicheier in die Schlachten des angekündigten Krieges der Generationen ziehen. Weil sie lieber ewig hocken bleiben im Flatrate-Nest des Hotels Mama. Und schuld daran sind: wir, ihre Eltern, die Babyboomer, die Generation Ich-kann-nicht-loslassen. Weil wir so schlimme Helikopterväter und Tigermütter sind. Weil wir unsere vergötterten, teuren Einzelkinder überwachen und beschützen, ihnen dieses überhöhte Selbstwertgefühl und Anspruchsdenken eingeimpft haben, weswegen sie zwar exzellent ausgebildet, weltgewandt und vielsprachig, aber leider auch leicht unentschlossen durch die unübersichtliche Multioptionsgesellschaft stolpern und am liebsten immer zu Hause bleiben wollen. 

So einfach ist das? 

So einfach machen die „Experten“ sich das. Wie so oft bei deutschen Lifestyle-Debatten werden Erklärungsmuster nur in der gehobenen Mittelschicht gesucht und gefunden. Die Zahlen des Statistischen Bundesamts erzählen aber, dass 97 Prozent aller Kinder aus allen Schichten in Deutschland, wenn sie volljährig werden, erst mal zu Hause im Kinderzimmer wohnen bleiben, wie Mario Götze, bis Bayern München ihn da rausgekauft hat. Bei den 25-Jährigen sind es noch 70 Prozent. Und immerhin 34 Prozent der über 30-Jährigen wohnen auch noch bei den Eltern, oder schon wieder. Dann nennt man sie Bumerang-Kinder, was mal eine schöne Metapher ist: So ein Bumerang fliegt nach vorne und rotiert dabei um sich selbst, die eingebaute Kippneigung gibt seiner Bewegung einen Spin, der ihn zuverlässig zurückbringt. Auch in Deutschland nimmt das mit der eingebauten Kippneigung gerade zu. Man könnte es strategisches Nesthocken nennen: die sporadische Rückkehr zu den Eltern, nach einem Praktikum, nach einer Trennung, bevor ein neuer Job gefunden ist. 

Zwei von drei dieser erwachsenen Kinder zahlen ihren Eltern keine Miete, das wird auch noch extra erwähnt. 

Miete? Zu Hause? 

Gerade hat meine beste Freundin ihren Sohn umgezogen. Es wurde Zeit. Es ist jetzt schon drei Jahre her, dass Lukas Abitur gemacht hat. Er ist erst mal zu Hause geblieben, hat nachgedacht, gefeiert, Leben ausprobiert; Reisen, mal ein Praktikum beim Film, einen Lehrgang, er hat Nachhilfestunden gegeben und sich auf exquisite Elite-Studiengänge beworben. Jetzt hat es geklappt. Zum Wintersemester wird er nach Leipzig ziehen in eine Wohngemeinschaft mit seinem Freund Phillip. Die kleine Wohnung im Musikerviertel von Leipzig hat Phillips Vater gefunden. Phillip selber hatte ja keine Zeit dafür, musste sein Praktikum in Paris noch beenden. Lukas war sowieso in New York. 

Den Umzugslaster hat Lukas‘ Mutter gefahren, die jungen Herren heutzutage haben ja keinen Führerschein. Unterwegs hat sie gedacht: Was mache ich hier eigentlich? Bin ich jetzt so eine Helikopter-Mama im Kampf- und Versorgungseinsatz?

Natürlich ist sie das. Sind wir doch alle. Helikopter-Eltern gibt es schon sehr viel länger als Hubschrauber. Was sollen Eltern denn auch sonst tun, als sich um ihre Kinder kümmern, ihnen Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, auf sie aufpassen, sie früh fördern und fordern und ihnen durch die gnadenlosen Sortieranlagen des deutschen Schulsystems helfen. Kann es das überhaupt geben, zu viel Aufmerksamkeit für Kinder?

Die Psychologen sagen: nur, wenn der Treibstoff für das Kümmern Angst ist, Einsamkeit oder Narzissmus. Dann werden ängstliche, einsame, narzisstische Nicht-ins-Leben-Geher produziert, die im schlimmsten Fall depressiv werden, nur noch online existieren und ihr Kinderzimmer gar nicht mehr verlassen. In Japan haben sie schon einen Namen dafür: Hikikomori, Zurückzieher. Mit unseren erfolgreichen, glücklichen Bumerang-Kindern hat das aber doch gar nichts zu tun.

Oder? Wir früher hätten niemals zugelassen, dass die Eltern uns die Studentenbude suchen und uns hinbringen. Nur einmal während meines gesamten Studiums hat meine Mutter mich besucht. Sie hat im Hotel gewohnt, und als sie am dritten Tag morgens fragte, was machen wir denn heute, habe ich gesagt: Du packst deinen Koffer, und ich gehe in mein Seminar. Helikoptert haben sie uns trotzdem. Männer- oder Studienfachwechsel? Immer waren die Eltern der oberste Gerichtshof. Solange sie bezahlt haben, hatten sie die Macht und das letzte Wort.

Das ist heute immer noch so. Nur, dass die meisten Eltern ihren Kindern keine zweite Wohnung mehr finanzieren können. Wenn in Universitätsstädten wie München für Studentenzimmer bis zu 600 Euro aufgerufen werden, kann der gewohnte Lebensstandard mit Smartphone, Reisen und Biofleisch eben nur gehalten werden, wenn der Student zu Hause wohnt. Er tut das gern, das ist auch ein Unterschied: Eltern heutzutage benehmen sich viel besser als die meisten gleichaltrigen WG-Mitbewohner. Sie rauchen nicht, sie räumen auf, feiern nicht jeden Abend, machen überhaupt selten Lärm, wenn Mutti nicht gerade ihren Heavy-Metal-Koller hat. Den Kampfbegriff „Hotel Mama“ können wir sowieso streichen. Die meisten Mütter der zu Hause wohnenden Erwachsenen sind berufstätig. Die Realität des neuen Zusammenlebens ist fair ausgehandelt. Bei uns kocht meistens der Sohn, wenn er endlich mal wieder für eine Weile bei uns lebt.

Früh ausziehen bedeutet ganz und gar nicht, sich emotional gut zu lösen. Im Gegenteil

Vor ein paar Wochen ist die kleine Emma eingeschult worden: In der Schulhalle standen 28 absurd riesige Schultüten mit 28 aufgeregten Erstklässlern dahinter. Ringsherum saßen 200 Erwachsene: Eltern, bis zu vier Großeltern pro Kind, vereinzelt Urgroßeltern, Onkel, Tanten, hier und da die neuen Partner von Vati oder Mutti. Und alle waren gekommen, das kostbare Einzelkind zu feiern. Ein Panorama der Familie im demografischen Wandel: Emmas Eltern gehören zur zahlenmäßig kleinsten Generation, die Deutschland je hatte. Emmas Generation wird noch kleiner sein. Und wir, die Babyboomer und 68er-Großeltern, bleiben die erdrückende Mehrheit.

Masse ist Macht, das ist das Grundprinzip unserer Demokratie. Wir bestimmen also. Und wir werden alt, weswegen die Rockstars unserer Jugend nicht aufhören dürfen zu touren und eine Regierung, die wiedergewählt werden will, die seltsamsten Rentengesetze verabschiedet. Jeder zweite Wahlberechtigte ist demnächst über sechzig. Das ist dann die absolute Mehrheit. Und genau deshalb fällt der so dringend herbeigeschriebene Krieg der Generationen aus. Nur Idioten fangen einen Krieg an gegen die absolute Mehrheit. Die Schlauen interpretieren die staatliche Bevorzugung ihrer Eltern und Großeltern einfach als Verbesserung der eigenen Lebenssituation und des eigenen Besitzstandes. Das ist intelligent. Das ist auch Politik. Bei den Eltern wohnen bleiben, das wäre dann nur eine weitere Form der Sharing Economy: nicht besitzen, sondern teilhaben.

Systeme sind klüger als ihre Beobachter, und schneller sind sie auch. Die Familie ist so ein System, sie hat klüger und schneller auf die neuen demografischen Gegebenheiten und die hohen Scheidungsraten reagiert, als die Politik auch nur denken kann. Wenn Allensbach-Forscher heute in Deutschland fragen „Was gibt Ihnen Sicherheit?“, antworten 76 Prozent: die Familie. Eltern sind also strategische Verbündete, die Familie der Ausruhort zum Kräftesammeln und Meinung einholen, der Krisenpuffer in einem Sozialstaat, dem man für die Zukunft nichts mehr zutraut. Die Idee des Generationenvertrags hat sich umgedreht. Heute müssen nicht mehr die Jungen die Alten unterstützen, sondern die Alten die Jungen. Auch für die Alten ist das ein guter Deal. Sie können freiwillig geben, was der träge Staat ihnen nicht nimmt. Sie bekommen dafür Mode, Technik, junge Menschen und neue Ideen ins Haus, und, wenn es gut läuft, das große Glück der Gegenwart ihrer erwachsenen Kinder.

Nebenbei wird die Familie neu erfunden. Steigende Scheidungsziffern dokumentieren ja nur den Zerfall von Ehen, nicht mehr das Zerbrechen von Familien. Im Gegenteil: Je schwächer die Ehe wird, desto stärker wird die Bindung zu Eltern, Großeltern, Geschwistern und Kindern. In den Meinungsumfragen wird immer weniger „Bequemlichkeit“ oder „finanzielle Abhängigkeit“ als Grund für das Bleiben angekreuzt und immer öfter „sehr gute Beziehung zu den Eltern“. Man könnte die Ypsiloner auch Pioniere des demografischen Wandels nennen, oder Virtuosen der Patchworkfamilie – zwei neue Etiketten, bitte sehr.

Was ist überhaupt normal? In Spanien bleiben 40 Prozent der Männer, bis sie 34 Jahre alt werden, in ihrem Kinderzimmer, in Italien etwas mehr als 50 Prozent und in Kroatien sogar 77 Prozent. Vielleicht war unser Davonstürzen, sobald wir 18 waren, die Ausnahme. Vielleicht war es damals besonders, nicht heute. Etwa eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende von Diktaturen messen Soziologen überall auf der Welt die größte Entfremdung zwischen Eltern und Kindern. Das ist dann immer gekoppelt an frühes Ausziehen der Kinder. Das Jahr 1968 hatte in Westdeutschland seine besondere Schärfe, weil zwei vollkommen verschiedene Konzepte der Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus, Krieg und Holocaust die Familien trennten. Die Eltern waren überbeschäftigt mit ihrer Scham, ihrem Verdrängen, Verschweigen und Wir-sind-wieder-wer-werden. Wir Kinder konnten dem Mangel an Fürsorge und Wahrhaftigkeit, dem Klammern an diskreditierten Werten nur durch Flucht entkommen. Das war 15 Jahre nach Franco Anfang der Neunziger in Spanien ganz genauso, das war auch von 2004 in vielen DDR-Familien so.

Noch etwas: Psychologen sagen, früh ausziehen bedeutet überhaupt nicht, sich emotional gut zu lösen. Im Gegenteil. Man bleibt auf das Bild der Eltern fixiert, das man sich in der Pubertät gemalt hat: Eltern werden romantisch überhöht oder auf negative Eigenschaften reduziert. Frühauszieher identifizieren dann eigene Probleme lebenslänglich mit den Eltern, anstatt auch nach anderen Ursachen zu suchen und . . . erwachsen zu werden.

Erwachsenes Zusammenleben mit meinen Eltern habe ich nie erfahren. Fragen, die ich meinen Vater gerne gefragt hätte, wurden nie gestellt. Den Menschen hinter ihm habe ich nie erkannt. Ich habe nie für ihn gekocht, ich war nie allein mit ihm im Kino oder im Theater. Als ich erwachsen genug war für diese andere Elternliebe, war mein Vater schon tot. Ich war weit weg, als er starb. Ich war weit weg, als meine Mutter ohne ihn ein neues Leben anfing. Ich war nicht bei ihr, als sie starb. Eigentlich habe ich meine Eltern nie wirklich kennengelernt. Heute ist es wirklich besser. Viel besser.

Evelyn Roll arbeitet als Reporterin und Autorin der Süddeutschen Zeitung in Berlin. Sie wurde mit dem Frankfurter Journalistenpreis und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet, unterrichtet Portrait- und Reportageschreiben an der Universität der Künste in Berlin und sitzt in einigen Jurys und Gremien, die mit Qualitäts-Journalismus zu tun haben. Außerdem schreibt  sie Bücher (Zuletzt: „Die Kanzlerin“ bei Ullstein) und hat (zusammen mit Claudia Bissinger) für das ZDF einen Film über Angela Merkel gedreht.

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